Newsletter und Analysen für die Neue Energiewelt seit 2003

2020-Ziel ganz nah/Das Coronavirus und Deutschlands Klimabilanz

Quelle: MBI EnergySource

Es sieht auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht fürs Klima aus. Weil in der Corona-Krise die Leute zu Hause bleiben und die Industrie weniger produziert, schafft Deutschland sein Klimaschutzziel Experten zufolge sicher. Es könnten - je nach Ausmaß der Krise - nicht nur wie angestrebt 40 Prozent weniger Treibhausgase als 1990 werden, sondern sogar bis zu 45 Prozent, sagte Agora-Direktor Patrick Graichen am Freitag in Berlin. Nur: Das helfe wenig, wenn dafür weniger in klimafreundliche Technologien wie Ökostrom und Elektroautos investiert werde. Im Gegenteil, dann könne das Virus langfristig den Kampf gegen die Erderhitzung ausbremsen.

Graichen appellierte deswegen an die Politik: Konjunkturhilfen müssten "grün" sein und auf CO2-Sparen statt auf Kohle und Öl setzen. Damit ist er nicht allein. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hat die Krise als Chance für Staaten gewertet, Wachstumspakete für "saubere" Energie zu schnüren. Umweltverbände und Stiftungen appellieren an Bund und EU, den europäischen "Green Deal" - und damit Treibhausgas-Neutralität bis 2050 - zum Maßstab für Wirtschaftshilfen zu machen. 

Für das laufende Jahr allerdings scheint es jetzt schon recht sicher, dass der CO2-Ausstoß deutlich sinkt. Im vergangenen Jahr lag er Berechnungen des Umweltbundesamts (UBA) zufolge bei 805 Tonnen, das waren 35,7 Prozent weniger als 1990. Ziel sind 40 Prozent bis 2020, dafür müssten es nochmal gut 50 Millionen Tonnen weniger werden. Aus Sicht von Agora Energiewende wäre das je nach Entwicklung der Krise eher die Untergrenze - auch eine Minderung von 120 Millionen Tonnen zusätzlich wäre demnach denkbar. Das wären sogar 45 Prozent weniger als 1990. 

Ein Blick auf die drei Bereiche Verkehr, Industrie und Stromerzeugung verdeutlicht die CO2-Einsparpotenziale. Die Menschen seien weniger mit dem Auto unterwegs, weil sie nicht mehr reisen sollten oder dürften, sagte Graichen. Das drücke die Emissionen im Verkehr. Der individuelle Pkw-Verkehr macht rund 60 Prozent der Treibhausgas-Emissionen in diesem Bereich aus. 

Unterbrochene Lieferketten, Personalengpässe, kaum Aufträge, schon jetzt leidet die Wirtschaft unter der Corona-Krise. Den CO2-Ausstoß drückt es vor allem, wenn die energieintensiven Grundstoffindustrien - wie Stahl, Chemie und Zement - weniger produzieren. Dazu kommt es den Agora-Annahmen zufolge mangels Nachfrage. 10 bis 25 Millionen Tonnen CO2 weniger wären die Folge. 

Schon bis Ostern werden Agora zufolge rund 20 Millionen Tonnen CO2 eingespart, weil es recht warm und windig ist und der Gaspreis niedrig liegt. Das setzt klimaschädliche Kohlekraftwerke unter Druck. Von Januar bis Mitte März habe der Ökostrom-Anteil bei 52 Prozent gelegen. Nun komme der sinkende Strombedarf wegen der Corona-Krise dazu. Je nach Szenario wären nach den Berechnungen 30 bis 50 Millionen Tonnen CO2 weniger denkbar. 
MBI/dpa/aul/20.3.2020
Erschienen am 20.03.2020
letzte Aktualisierung am 20.03.2020