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Bundesweit Freud und Leid am Tag der Erneuerbaren

Den „Tag der Erneuerbaren“ nutzten etliche Branchenverbände, um auf den Stand und Stillstand bei Öko-Energien aufmerksam zu machen. So haben NRW und Bayern durchaus andere Blickwinkel.
Der „Tag der Erneuerbaren“ gibt Ende April eines jeden Jahres die Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und Besonderes hervorzuheben. In Nordrhein-Westfalen stellte der Ökoenergie-Branchenverband LEE NRW in diesem Jahr den Austausch alter gegen neue Windkraftanlagen in den Mittelpunkt.

Das Schlagwort dazu lautet Repowering, also: Schwächeres durch Stärkeres ersetzen. Etwas nördlich des rheinischen Braunkohle-Reviers, in Issum-Oermten, sortiert das Gladbecker Unternehmen SL Naturenergie aktuell neun Enercon-Senioren gegen vier Jungspunde aus. Aus 9 MW Gesamtleistung werden so künftig 22 MW, weil jede Anlage aus dem neuen Quartett (E-160) mehr als fünfmal so leistungsstark ist wie die Turbinen aus der Gründerzeit.

Mehr als die Hälfte der NRW-Turbinen im Senioren-Alter

Ein Blick in die NRW-Statistik zeigt das Potenzial, das im Repowering schlummert. Ende April waren, so die Zahlen aus dem Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur, 3.640 Anlagen mit 7.250 MW Leistung am Netz. Das ist ein Schnitt von nur 2 MW je Anlage – ein Wert weit unterhalb des inzwischen Möglichen (über 6 MW).

In die Jahre gekommen (15 und älter) seien mehr als 2.000 Turbinen, gut 55 Prozent, sagt der LEE NRW. Für Geschäftsführerin Madeline Bode ergibt es wirtschaftlich und energiepolitisch „sehr viel Sinn“, beschleunigt mit höheren und ertragsstärkeren Anlagen zu repowern. Aus der EEG-Förderung fallen Anlagen nach 20 Jahren Betriebszeit.

Das Repowering in Issum lässt SL Naturenergie sich nach Angaben von Geschäftsführer Milan Nitzschke etwas kosten, mehr als 40 Millionen Euro – Bürgerbeteiligung eingerechnet. Um Dutzende weiterer Anlagen künftig austauschen zu können, fordert der Unternehmenschef von den Genehmigungsbehörden das konsequente Umsetzen der verlängerten EU-Notfallverordnung. Diese befreit das Repowering von einigen Auflagen.

Bayern steht dagegen vor ganz anderen Herausforderungen. Der Freistaat hat Jahre der Zurückhaltung bei der Windkraft hinter sich. Also geht es dort weniger um Repowering, sondern überhaupt um Zubau. Und so war Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) drei Tage vor dem „Tag der Erneuerbaren“ noch im Rettungseinsatz. Der Windpark Altötting mit 40 erwünschten Anlagen (288 MW Leistung) drohte zu schmelzen wie Gletschereis im Klimawandel.

Bayern hat ein Zubau- und kein Repowering-Problem

Das Projekt der Firma Quair soll nach einem negativen Bürgerentscheid in Mehring (gegen zehn Anlagen) nun noch 29 Turbinen (gut 200 MW) in den anderen vorgesehenen Bereichen des Staatswalds umfassen (wir berichteten). Hubert Aiwanger warb bei einer Bürgerversammlung in Haiming für die Kompromissplanung, die auf den anderen Gemeindegebieten weniger Anlagen, teils neue Standorte und einen Abstand von 1.200 Metern zu Siedlungen beinhaltet. Der Windpark Altötting ist eine Säule der Grünstrom-Versorgung für das Chemiedreieck in den Landkreisen Altötting, Mühldorf und Traunstein.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) hat sich zum „Tag der Erneuerbaren“ den Ausbau der Windenergie im Freistaat besonders angesehen. Der Verband kommt zu einer ambitionierten Rechnung, ausgehend von nur sieben neu errichteten Anlagen im Jahr 2023 (Netto-Zubau 23 MW): Will Bayern das landeseigene Klimaziel bis 2040 erreichen, „müssen wir im Freistaat den jährlichen Zubau der Windenergie verzwanzigfachen“, so VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Der Verband fordert zugleich mehr Engagement beim Ausbau aller erneuerbaren Energien. Mit der Entwicklung bei der Solarkraft ist der VBW zufrieden, Biomasse, Wasserkraft, Geothermie und Windkraft müssten in ähnlicher Geschwindigkeit wachsen. Doch auch ein Großprojekt zum Speichern von überschüssiger Energie aus Wind und Sonne zieht sich. Der am Donaukraftwerk Jochenstein geplante 300-MW-Pumpspeicher, geplant vom österreichischen Konzern Verbund und deren Tochter Jochenstein AG, tritt seit über einem Jahrzehnt auf der Stelle.

Nicht zuletzt sind die in einer Bürgerinitiative organisierten Menschen in der Marktgemeinde Untergriesbach skeptisch. Zwischen den Ortsteilen Gottsdorf und Riedl soll ein etliche Hektar großes Oberbecken Wasser aufnehmen, das Verbund bei Grünstrom-Überfluss aus der Donau hochpumpen will. Bei Bedarf an Energie soll das Pumpspeicherwerk mit der Rückführung von Wasser Strom produzieren.

Zuletzt gab es im Oktober 2023 eine knapp zweiwöchige Erörterung zum Energiespeicher im Zusammenhang mit der ökologischen Durchlässigkeit der Donau („Organismenwanderhilfe“). Nach Abschluss der vom Landratsamt Passau angesetzten Erörterung herrscht bei Verbund Zuversicht: „Wir rechnen mit einer positiven Planfeststellungsentscheidung“ – und dies noch 2024, so Projektleiter Christian Rucker.

MBI/vos/29.4.2024
Erschienen am 29.04.2024
letzte Aktualisierung am 29.04.2024