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Vom Kommen und Gehen der Windkraft am Tagebau Garzweiler

Quelle: MBI EnergySource

Fünf neu ans Netz, acht perspektivisch ins Nirwana: Bei Windenergieanlagen im Bereich des von RWE verantworteten Braunkohletagebaus Garzweiler am Niederrhein herrscht aktuell ein reges Kommen und Gehen. Eine Ansammlung von acht Anlagen aus der Energiewende-Frühzeit muss den Baggern der Essener weichen. Das Unternehmen nimmt aber für sich in Anspruch, ausgiebig und leistungsstärker neu zu bauen.
Auf dem Gebiet von Erkelenz sind noch sieben von acht Turbinen aus dem Jahr 2001 in Betrieb. Eine der Anlagen, bestätigte eine Sprecherin von RWE auf Anfrage unserer Redaktion, hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Grund für das sukzessive Verschwinden: Die Anlagen stehen zu nah an der Abbruchkante beziehungsweise im Tagebau-Bereich, der gemäß jüngster Übereinkunft von RWE sowie Bundes- und Landesregierung bis 2030 weiter fortschreiten darf (wir berichteten).

Für RWE ist der Abbau der acht alten Mühlen kein großes Drama. Die Sprecherin verweist auf die entsprechenden Verträge mit den jeweiligen Betreibern, die den Rückbau der Windenergie-Anlagen vorsahen. Außerdem investiere das Unternehmen selbst bis Ende des Jahrzehnts 4 Milliarden Euro in Erneuerbare auf den rekultivierten Flächen des Tagebaus, so Katja Wünschel, Chefin von Onshore Wind und Solar Europa & Australien bei RWE Renewables.

Tatsächlich bringen es die Erkelenzer Alt-Turbinen, die teils dem Bremerhavener Unternehmen Energiekontor und teils WPD Windmanager (Bremen) gehören, auf eine Leistung von jeweils 1 MW beziehungsweise 1,3 MW.

Die fünf nun ans Netz gehenden Anlagen im Windpark „Bedburg A 44n“ kommen zusammen auf 28,5 MW. 30 Millionen Euro haben RWE (51 % der Anteile) und die Stadt Bedburg als Partner nach eigenen Angaben in den neuen Windpark gesteckt.

Sein Ertrag kann 28.000 Haushalte rechnerisch versorgen, weit über Bedarf der örtlichen Privatwohnungen und Betriebe, sagt RWE. Mit den 21 Anlagen des bereits gemeinsam betriebenen Parks „Königshovener Höhe“ kommen die Partner auf eine Kapazität von 95 MW im Stadtgebiet.

Vier der neuen Turbinen produzieren Strom fürs öffentliche Netz, die fünfte soll eine entstehende „Ressourcenschutzsiedlung“ im Ortsteil Kaster direkt beliefern. Teile dieses Stroms wandern auch in einen Speicher, der Überschuss ins allgemeine Netz einspeist.

Kritik von Aktionsgruppen - LEE NRW sieht es pragmatisch

Abriss und Neubau von Windenergieanlagen im rheinischen Revier könnte man also als Nettozubau interpretieren. Gleichwohl ist die Aufgabe des alten Windparks ein gefundenes Fressen für die Klima-Aktionsgruppen der Region. „Dass mitten in der Klima- und Energiekrise Windräder für die Erweiterung eines Kohle-Tagebaus abgerissen werden, ist an Absurdität nicht zu überbieten“, so Alexandra Brüne von der Aktionsgruppe „Alle Dörfer bleiben“ laut einer Mitteilung.

Der Vorsitzende des Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE NRW), Reiner Priggen, sieht die Gleichzeitigkeit von Ab- und Aufbau der Turbinen nüchtern. Angesichts der angekündigten Investitionen von RWE im Konversionsgebiet gebe es genügend Standorte im Hinterland, auf denen neue Windparks entstehen könnten. „Wünschenswert wäre es allerdings, dass die Betreiber der alten Anlagen eine Chance bekommen, anderswo zu repowern, sofern sie dies wünschen.“

Im benachbarten Jüchen, ebenfalls Konversionsgebiet, erlebt RWE übrigens in den kommenden Wochen noch einmal das Wechselspiel von Abriss und Neubau, diesmal am selben Ort. Dort tragen die Essener aber keinerlei Verantwortung. Der komplett errichtete, sechs Anlagen starke Windpark geht zunächst in die Knie, weil vorsichtshalber die Türme auszutauschen sind. Sie sind baugleich zu einer Anlage, die in Haltern im September 2021 eingestürzt war.

Turbinen-Hersteller Nordex hatte für alle 18 Anlagen, die in Deutschland auf einem Hybrid-Turm aus Stahl und Beton des Herstellers Ventur (Siegen) stehen, die Demontage bekannt gegeben. Das halbe Dutzend in Jüchen zählt dazu. Gutachten hätten ergeben, so Nordex, dass der Spannbeton fehlerhaft sei. Über die Haftung und Schadensregulierung gibt es noch keine Einigung. Die betroffenen Windkraftanlagen errichtet Nordex mit einem anderen Turmkonstrukteur neu.

MBI/vos/26.10.2022
Erschienen am 26.10.2022
letzte Aktualisierung am 26.10.2022